Im zweiten Teil unserer Grant Thornton-Serie zu aktuellen internationalen Geschäftstrends untersuchen wir, wie das sich verändernde wirtschaftliche Umfeld mittelständischen Unternehmen Wachstumschancen eröffnen kann, während ihre größeren Wettbewerber abwarten („Wir abwarten und mal sehen“.
Die Aussichten für die Weltwirtschaft bis Ende 2025 sind relativ unsicher. Es wird mit einem deutlichen Wachstumsrückgang gerechnet. Die OECD hat ihre Prognose von 3,3 % im Vorjahr auf 2,9 % gesenkt. Sollten die Märkte weiterhin durch Handelshemmnisse oder anhaltende politische und geopolitische Unsicherheiten beeinträchtigt werden, könnte das Wachstum weiter sinken. Laut dem International Business Report (IBR) der Gesellschaft Grant Thornton spüren auch mittelständische Unternehmen den Druck: ihre Export- und Auslandsumsatzprognosen sind um jeweils 3,0 %, bzw. 4,2 % gesunken.
Trotzdem sind die Fundamentaldaten vieler mittelständischer Unternehmen weiterhin stark – fast zwei Drittel von ihnen (66,1 %) erwarten in diesem Jahr einen Umsatzanstieg und ein ähnlich hoher Anteil (63,1 %) von ihnen erwartet eine Gewinnsteigerung. Auch die Zahl der Unternehmen, die mit einer Erhöhung von Verkaufspreisen rechnen, steigt (54 %) – diese hohen Indikatoren-Werte unterstreichen ihre Widerstandsfähigkeit, Anpassungsfähigkeit und strategische Stärke. Diese Eigenschaften können entscheidend sein, um die sich aus der anhaltenden globalen Unsicherheit ergebenden Chancen zu nutzen.
Verändertes Geschäftsumfeld: Neue Wege, neue Chancen
Die von der US-Regierung verhängten höheren Zölle und Handelsbeschränkungen für Importe – und die darauf folgenden Vergeltungszölle – haben die Handelsspannungen zwischen den USA und vielen ihrer wichtigsten Partner, insbesondere der EU und China, verschärft und zu einer steigenden wirtschaftlichen Unsicherheit im Marktsegment der mittelständischen Unternehmen beigetragen (Anstieg um 5 Prozentpunkte auf 60,5 %). Obwohl sich die Märkte in den letzten Jahren von ähnlichen globalen Schocks gut erholt haben (vor allem in den hochentwickelten Wirtschaften, drohen diese grundlegenden strategischen Änderungen in den globalen Lieferketten dauerhaft zu werden.
Die zuvor genannten Hindernisse haben zu verstärkten Aktivitäten im Zusammenhang mit dem Abschluss neuer Handelsabkommen geführt, die allmählich unsere Sicht auf den Welthandel verändern:
- Die EU und Indien stehen kurz vor dem Abschluss eines Freihandelsabkommens zur Stärkung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit.
- Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen zwischen dem Kooperationsrat der Arabischen Staaten des Golfs (GCC) und China wurden beschleunigt, um den Handel angesichts der drohenden Zölle und wachsender Unsicherheit zu erleichtern und zu unterstützen.
- Afrikanische kontinentale Freihandelszone (AfCFTA) hat das Potenzial, den innerafrikanischen Handel deutlich anzukurbeln; Prognosen gehen von einem 50%-Anstieg bis Ende 2025 aus.
Wir beobachten weiterhin erhebliche regionale Unterschiede bei Instrumenten wie Zinssätzen. Die vorsichtige Haltung von Fed hat zur größten Zinsdifferenz zwischen ihm und der Europäischen Zentralbank seit über zwei Jahren geführt. All diese Veränderungen erhöhen die Unsicherheit. Sie können aber auch strategische Chancen eröffnen, die es agilen und widerstandsfähigen mittelständischen Unternehmen ermöglichen, sich anzupassen, zu investieren und Chancen in auf neuen Märkten zu nutzen. So erwarten beispielsweise mittelständische Unternehmen in Europa und Südamerika für dieses Jahr steigende Exporte (derzeit jeweils 49,3 %, bzw. 58,5 %). Der nordamerikanische Markt rechnet mit einem Anstieg der Exportländer um 5 Prozentpunkte. Dies zeigt, dass sich Chancen bieten.
Die Wirtschaftspolitik „Abwarten und mal sehen“-
Sich verändernde Handelsrouten und wachsende regionale Ungleichheiten haben bei einigen der weltweit größten Unternehmen eine Gegenreaktion ausgelöst. Große Expansionspläne werden verschoben und der Fokus verlagert sich deutlich auf inländische Angelegenheiten. Anhaltende globale Handelskonflikte, wahlbedingte Volatilität an wichtigsten Märkten und eine langsamere Erholung in großen Volkswirtschaften haben diese vorsichtige Haltung noch verstärkt.
Das übervorsichtige Marktumfeld eröffnet jedoch einzigartige Chancen für den Mittelstandsmarkt. Dank der kürzeren Entscheidungszyklen und der höheren Risikobereitschaft, die diesen Markt prägen, sind mittelständische Unternehmen optimal positioniert, um zu handeln, während andere abwarten. So können sie sich potenziell den Vorteil des First-Mover-Vorteils in neu erschlossenen oder traditionell unterversorgten Märkten sichern.
Während größere Unternehmen zögern, können mittelständische Unternehmen dazu beitragen, die sich verlangsamende Weltwirtschaft wieder in Gang zu bringen und sogar eine solche Erholung anzuführen.
Ein Fünf-Punkte-Plan für mittelständische Unternehmen
Um mittelständischen Unternehmen zu helfen, diese Chancen zu nutzen, schlagen wir einen Fünf-Punkte-Plan vor, den sie umsetzen können, um die Stabilität zu erhöhen, die Widerstandsfähigkeit zu stärken und das Wachstum zu starten:
Modellierung der Stabilität während Volatilität
Erstellen und starten Sie detaillierte Szenarien-Modelle, die an wichtige Handelsrouten gekoppelt sind. Modellieren Sie die Auswirkungen auf Kosten, Verfügbarkeit und Einhaltung von Vorschriften (compliance) für verschiedene mögliche Ergebnisse, basierend auf Faktoren wie der fortgesetzten Aussetzung von Zöllen oder der Beschleunigung geplanter Handelsabkommen.
Flexibilität nutzen, um die Widerstandsfähigkeit zu erhalten
Nachhaltiges Wachstum basiert auf Widerstandsfähigkeit. Überprüfen und aktualisieren Sie Ihr Geschäftsmodell, um Flexibilität zu gewährleisten. Modulare Logistik, ein diversifizierter Kundenstamm, flexible Lieferketten und eine zielgerichtete Führung helfen Ihnen, schnell auf Veränderungen im Geschäftsumfeld oder in der Regulierungspolitik zu reagieren.
Freigabe des digitalen und dienstleistungsbasierten Wachstums
Die neue Generation von Handelsabkommen konzentriert sich zunehmend auf Dienstleistungen und den digitalen Handel. Dies bietet Unternehmen, die Handelskorridore identifizieren und priorisieren, welche nichttarifäre Handelshemmnisse für Dienstleistungen oder digitale Produkte abbauen, enorme Chancen. Tatsächlich erwarten 63,3 % der mittelständischen Technologieunternehmen, die Anzahl der Länder, in die sie exportieren, in den nächsten 12 Monaten zu erhöhen. Instrumente wie der OECD-Index für Handelsbeschränkung im Dienstleistungs-sektor (OECD Services Trade Restrictiveness Index) sind dabei eine hilfreiche Orientierung.
Stärkung der Lieferketten
Die Nutzung neuer Handelsabkommen könnte jedoch dazu beitragen, den grenzüberschreitenden Waren- und Materialverkehr zu erleichtern. Nutzen Sie diese Abkommen als Rahmen, um die Beziehungen im Rahmen der Lieferketten in strategischen Märkten zu formalisieren und zu stärken. Erwägen Sie die Nutzung von dualer Versorgung, um in neu erschlossenen Regionen flexibler agieren zu können.
Erweiterung der Wege für Talente und Innovationen
Die Mobilitäts- und die Kooperationsrahmen für Forschung und Entwicklung gewinnen in modernen Handelsabkommen zunehmend an Bedeutung und bieten die Möglichkeit, Anreize für Forschung und Entwicklung sowie neue Mechanismen zum Austausch von Talenten im Rahmen bestehender oder neu entstehender Handelsabkommen zu erkunden. Denken Sie über den Warenaustausch hinaus und nutzen Sie den Zugang zu neuen Kompetenzen, Ideen und Partnerschaften über Grenzen hinweg, um langfristige Vorteile zu erzielen.
Gestaltung des globalen Wachstums: Stabilität durch Strategie
Während größere Unternehmen weiterhin eine abwartende Haltung („Abwarten und mal sehen“) einnehmen, sind mittelständische Unternehmen bestens positioniert, um die nächste Welle internationalen Wachstums anzuführen. Ihre Größe und Flexibilität verschaffen ihnen einen einzigartigen Vorteil, um die Unsicherheit zu bewältigen und von den kurzfristigen Schwankungen zu profitieren, die die Weltwirtschaft weiterhin prägen.
Durch fundierte Marktkenntnisse, detaillierte Szenarien-Planung, Diversifizierung der Lieferketten und aktives Engagement auf lokaler Ebene können diese Unternehmen helfen, einen Weg aus dem wirtschaftlichen Abschwung zu finden und eine neue Welle gezielten, profitablen und nachhaltigen Wachstums einzuleiten.